Der Elfenbein Turm

Paula, 20. 11. 06|16:Nov

Auf Post Doc Ergo Propter Doc gibt es gerade eine interessante Diskusion darüber, ob es ein Privileg ist akademische Forschung zu betreiben. Das genaue Zitat um das es geht ist:

“… Doing academic research is a privilege, the ultimate form of self-indulgence of curiosity and ingenuity. …Nobody ultimately gives a damn whether you are happy or not, just whether you are asking the right questions.”

Übersetzt: … Akademische Forschung zu betreiben ist ein Privileg und die ultimative Art seine Neugier und sein Einfallsreichtum zu verwöhnen. … Letztendlich kümmert es niemanden einen Scheißdreck, ob du glücklich bist, oder nicht, Hauptsache du fragst die richtigen Fragen.

Ich interpretiere das so wie, halt die klappe und sei froh, dass du forschen kannst was deine Neugier befriedigt und dir Spaß macht.

Hmm…

Ich forsche an einem Thema, dass in absehbarer Zukunft keine praktischen Konsequenzen oder Anwendungen für die Allgemeinheit hat, dass von Steuergeldern bezahlt wird. Ist das ein Luxus den ich mir gönne, oder ist das ein Luxus den sich die Gesellschaft gönnt, oder ist es unbedingt notwendig, dass sich eine Gesellschaft nicht praxisrelevante Forschung leistet?
Es ist sicher ein Zeichen einer privilegierten Gesellschaft, wenn sie sich ein ganzes Ausbildungs/Forschungssystem leisten kann. Es ist jedoch meines Erachtens auch eine Notwendigkeit. In akademischer Forschung (im Gegensatz zu industrieller) werden oft sehr elementare Fragen gestellt, deren Antworten nur indirekt zu Anwendungen führen. Das wird oft als Elfenbein Turm gesehen. Jedoch hat ein besseres Verständnis unserer Umwelt schon oft zu erheblichen Verbesserungen in unserer Lebensweise geführt (z.B. Farbstoffe, oder Zelluloid). Wird das Augenmerk nur auf patentierbare Ergebnisse gelegt fehlt irgendwann die Basis auf der neue Erfindungen gemacht werden können. Dass heute viele Medikament, Werkstoffe uä. existieren ist darauf zurückzuführen, dass sich irgendwann mal jemand gefragt hat wie denn Moleküle miteinander reagieren. Außerdem musste sich mal jemand fragen wie Wirkstoffe überhaupt im Körper umgesetzt werden. Von dieser Art gibt es viele Fragen die gestellt werden. Eine Schwierigkeit ist von vornherein zu sehen welche Fragen zum Ziel führen. Da dies nicht möglich ist müssen viele Fragen gestellt und auch finanziert werden. Im Moment gibt es einen Trend im Bund nur solche Forschung zu fördern, die direkt in Anwendungen mündet. Das führt dazu, dass die Forschunglandschaft verarmt und dazu, dass In Geldanträgen absurde Konstruktionen der Anwendungsbezogenheit gebaut werden, die nie erfüllt werden können. Wir werden belogen.
Unabhängig davon glaube ich, dass die pure Wissensvermehrung auch ein legitimes Ziel der akademischen Forschung ist. Wissen wir wo wir herkommen, wie wir funktionieren und wie wir in unserer Umwelt wirken, können wir als Gesellschaft (selbst)bewusst unseren Weg bestimmen.
Für mich als einzelne Person antworte ich mit einer Frage: Ist es Luxus seine Talente einzusetzen wie man sie hat, ist es ein Luxus eine Arbeit zu haben der man mit Hingabe nachgeht? Wenn ja gilt dies für alle Menschen die ihre Arbeit gerne tun. Auch ist akademische Forschung für jeden zugänglich, sie ist kein Privileg irgendeiner reichen Oberschicht, in der Tat sind Ergebnisse öffentlicher Forschung auch immer öffentlich.

Ihr seht ich finde nicht, dass ich privilegiert bin. Aber was denken die unter euch die nicht Akademiker sind? Meldet euch zu Wort und beschreibt mir, wie ihr den Elfenbein Turm seht.

4 Reaktionen auf “Der Elfenbein Turm”

  1. diana
    am 20. 11. 06 um 18:20

    Auch ist akademische Forschung für jeden zugänglich, sie ist kein Privileg irgendeiner reichen Oberschicht, in der Tat sind Ergebnisse öffentlicher Forschung auch immer öffentlich.

    Das gilt etwa noch solange bis die Studiengebühren da sind. *orakel*

    Was den Luxus angeht… Ich glaube, du hast mit deinem Fach weitaus weniger Rechtfertigungsprobleme als ich mit meinen, mit Ausnahme von Geschichte vielleicht. Ich jedenfalls kann nicht sehen, wie die Gesellschaft von meinen zukünftigen Fasnachtsforschungen profitieren könnte.

  2. jokerine
    am 21. 11. 06 um 7:21

    Ich seh auch nciht was meine Chemie den Leuten bingt, aber dass ist ja gerade der Punkt: Du kannst es jetzt nicht wissen, weswegen jede Frage legitim ist.

  3. eugene
    am 22. 11. 06 um 23:22

    Mein Projekt hier in den USA, hat ein direktes Ziel und jeder Artikel, der von mir kommt, fangt mit der Beschreibung des Zieles an. Aber es ist ein bisschen schwierig es zu erreichen, jedenfalls in den nächsten 10 Jahren und die Forschung beugt sich in andere Richtungen. Am Ende des Tages, ich habe eine schoene chemische Geschichte, die ich den Leser erzählen kann.

    Aber Privileg? Wahrscheinlich in Deutschland, davon weiss ich nichts. Aber hier in der besten Unis viele der Professors sind solche (das tut mir leid) mit der Macht betrunkene Arschloeche, das ich denke zehn Jahren des Lebens weniger wegen des Stresses ist kein Privileg. Auch das Geld koennte besser werden.

  4. Le>el
    am 24. 12. 06 um 14:24

    Chemie scheint mir die unberechenbarste aller Naturwissenschaften zu sein. Gerade wenn man synthetisch tätig ist, muß man jede Facette betrachten, und ständig nachprüfen, was da eigentlich gerade passiert, oder passiert ist. Da kann man nochsoviel im Vorfeld geplant haben. Die Moleküle gehen ihre eigenen Wege; ob diese jetzt zum gewünschten Ziel führen, oder woandershin. Und solange diese nicht in den Teer führen, hat man eine neue Antwort gefunden; ob diese nun zur gestellten Frage passt, ist ein andere Geschichte. Wenn aufgrund der Vorgabe von strikt zielgerichtet orieentierter Forschung all diese unerwarteten Antworten einfach ignoriert werden, ist dies eine gewaltige Verschwendung. Sicher, man kann nicht jeder neu entstehenden Antwort hinterherrennen; dazu müssten wir uns wie die Bakterien teilen können: du machtst das, du jenes, … und ich verfolge das eigentliche Ziel.
    Der einzige Weg, Ordnung in dieses Chaos, Berechenbarkeit in diese Vielfältigkeit, zu bringen, liegt darin, möglichst viele Daten zu sammeln und zu kompilieren. Wer weiß, vielleicht hat jenes unerwünschte Nebenprodukt ja eine Struktur, die einem Katalysator oder einem Medikament ähnelt ? Oder vielleicht ist dieses unerwünschte und unerwartete Resultat einer Reaktion genau DAS, was jemand anders schon seit Jahren erfolglos zu erreichen versucht. Ich bin derzeit in einem interdisziplinären Sonderforschungsbereich tätig; dort sind alle möglichen Leute auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet. Zynisch kann man dies so sehen; da gibt’s Geld, da kann ich mir auch ein Stück vom Kuchen abschneiden. Beispielsweise haben wir eine Gruppe von Bio-Informatikern; lange Zeit habe ich mich gefragt, was die eigentlich machen … bis ich einige Vorträge von denen gesehen habe.
    Deren Aufgabe liege darin, mithilfe von Computern die gewaltigen Datenmengen zu durchforsten, die Generationen von Wissenschaftlern weltweit produziert haben. Bei uns befassen die sich zum Beispiel damit, Enzymdatenbanken zu durchsuchen;
    nehmen wir an, wir suchen ein Enzym, das kann z.B. Luft-Sauerstoff aktivieren. Davon gibt allerdings hunderte, wenn nicht tausende … Wir wissen, von vielen dieser Enzyme, wie sie tatsächlich aufgebaut sind. Wir kennen nun eines davon, und wissen/vermuten, daß es wegen diesem Strukturmerkmal so funktioniert. Nun können wir ein Programm damit beauftragen, in allen bekannten Enzymen nach genau diesem, oder einem vergleichbaren Merkmal zu suchen … und finden weitere Enzyme. Vielleicht sogar solche, die die Natur zu einem ganz anderen Zweck gemacht hat. Die aber Sauerstoff besser, oder unter günstigeren Bedingungen aktivieren können !
    Wie ich hiermit darlegen wollte, existieren also bereits die Möglichkeiten, jene von uns erzeugte, eventuell auch unbeabsichtige und ungeordnete Datenmenge zu verwalten, und zu nutzen.
    Somit bin ich überzeugt davon, daß die gute alte “hehre” Grundlagenforschung ihren Wert hat. Schließlich kann man ohne Grundlage auch auf nichts aufbauen … und je mehr man darauf aufbauen will, um so stabiler und größer muß diese Grundlage auch sein !
    Gerichtete Forschung baut auf dieser Grundlage auf. Sie kann nicht ohne diese sein.

    Wenn wir schon von Verschwendung reden: da gibt es ganz andere Gebiete, auf denen wir unsere Zeit und Resourcen sinnlos vergeuden: Krieg&Militär, übertriebener Luxus, Machtspiele, um nur einige zu nennen. Forschung, egal welcher Art, schafft WISSEN: einen Schatz, der die Zeiten überdauert, so er gewahrt wird, und somit auch kommenden Generationen noch zur Verfügung steht.
    Da ist nichts verschwendet, sondern tatsächlich in die Ewigkeit investiert !